Wintermärz

Eine phantastische Reise durch den Schmerz zurück zum ICH

 

Titel: Wintermärz
Untertitel: Eine phantastische Reise durch den Schmerz zurück zum ICH
Autor: Toralf Sperschneider
Illustrationen: Michel Henricot
Erschienen: 2004, Eigenverlag (MoonWing)


Info/Inhalt:
Erste literarische Flügelschläge aus dem Jahre 2003, mein eigentlicher Einstieg in das literarische Schreiben. Wohl eher zur Verarbeitung der Ereignisse dieser Zeit als zur echten Lesbarkeit erdacht und gefühlt. Projektionen der realen in eine Phantasiewelt mit kurzen Wachphasen, Ernüchterungen und Hoffnungen, die nicht unbelohnt blieben. Alleinsein macht Spaß! Doch es zu lernen ist schwer…

Vertrieb:
Einzelne Restexemplare aus zweiter Auflage vorhanden. Kein Verkauf.

Textauszüge

...seit dem ersten Augenblick habe ich nur Dich bevorzugt.
Dich bevorzugend habe ich Dich gewollt,
Dich wollend habe ich Dich gesucht,
Dich suchend habe ich Dich gefunden,
Dich findend habe ich Dich geliebt,
Dich liebend habe ich Dich begehrt,
Dich begehrend habe ich Dich in meinem Herzen über alles gestellt...

Umberto Eco, “Baudolino”, 2001


...Dich über alles stellend wurde ich blind,
erblindend erkannte ich Deine Veränderung nicht,
Dich nicht erkennend vertraute ich Dir,
Dir vertrauend führtest Du mich zu den Klippen...

März, 2003


Der Frühling leuchtete bereits am Horizont, als ich am Abgrund stand. Mein geliebter Engel der Ehrlichkeit hatte mich dorthin geführt. Trotz eines mulmigen und unsicheren Gefühls der Höhe wegen genoss ich die Aussicht auf das wundervolle Meer, das Rauschen der tosenden Fluten tief unter mir und den Duft der bald greifbar nahen sehnsuchtsverheißenden Jahreszeit. Plötzlich wurde diese in sich so vollkommene Kulisse durch ein Rascheln gestört. Mir schauderte. Hinter mich trat mein Engel und ich sah, wie er sich eine Maske vom Gesicht zog, eine Maske von solcher Schönheit, welche die menschliche Sprache nur preisen, nicht aber zu beschreiben vermag.  
Im Augenwinkel erfasste ich noch, wie er sich mit einem Mal sein falsches Gewand abstreifte und eine teuflische Bestie zum Vorschein kam. Es war nicht der Teufel selber, nein, es schien etwas furchterregendes, böses, schmerzbringendes von diesem Ungeheuer auszugehen. Mir stockte der Atem und ich spürte, wie meine Anspannung sich ins Unermessliche zu einer schieren Angst steigerte. Erstarrt und wie gelähmt hörte ich markerschütterndes Schnaufen und Gebrüll und sah diesem Etwas in seine doch vorher so vertrauten, nun aber feurig roten Augen. Da waren noch immer letzte Spuren der Güte und Sanftheit in diesem Blick, welche mich so lange begeistert und geborgen gefühlt gemacht hatten. 
Ich sah, wie das Monstrum mit erhobenem rechtem Arm, eine schwere, nach vorn spitz zulaufende Axt in der Hand, zu einem gewaltigen Schlag ausholte. Einen Augenblick später durchbohrte mein Herz ein stechender Schmerz. Mit aufgerissenen Augen und einem zum Schrei bereiten, weit geöffneten Mund sah ich an mir herab, spürte warmes Blut über meinen Körper laufen und wild kreischende, feuerrote Raben entwichen meiner Seele. Der Schmerz zwang mich in die Knie und während mein fragender Blick sich in Augen des Ungeheuers verfing, rang ich nach Luft. Genau zu diesem Zeitpunkt wusste ich, es würde einer dieser wenigen niemals auslöschbaren Augenblicke in meinem Leben werden ...


... Als es auf meiner Höhe in der Luft weilte und mir seine Pranke reichte, spürte ich eine falsche, unbehagliche Wärme und ein übler Atem brach aus seinen Lippen. Zeitweise glaubte ich, kurze Episoden eines feinen bekannten und betörenden Duftes ausmachen zu können, der mich schwach und schwindelnd machte. Durch diese Gestik hoffte ich noch immer, es würde mich erretten, mit sich nehmen und wieder behutsam nach oben bringen. Sein Lächeln, dieses vertraute Lächeln, versprach verheißungsvolle Hilfe. Ich nahm die Hand von der so erbarmungslos schmerzenden Wunde und das Gewicht der Waffe in meiner Brust verstärkte die Qualen noch. Doch ich sah in seiner Gebärde meine einzige Chance zu überleben und streckte ihm hoffnungsvoll meine blutverschmierte Hand entgegen. Als das Wesen mich mit seiner haarigen Klaue berührte und den Griff festigte, überkam mich eine nie gekannte Kälte, die sich entlang meines Armes, über Schultern und Brust langsam zu meinem Herzen schlich. Mit einem hoffnungsvollen, kraftvollen Ruck wurde ich ein paar Meter nach oben gezogen. So hing ich in der Luft, als sich plötzlich die Klauenhand öffnete und mich fallen ließ. Aufgeregt griff ich nach, fasste jedoch ins Leere und sah die Fratze, die mich mit lachenden Tränen in den Augen für immer aufgab. Ich fiel und fiel, sah schmerzlich schöne Ereignisse meines Lebens in den Felsen eingemeißelt an mir vorüberziehen; Bilder, die in unglaublicher Geschwindigkeit vorbei jagten, als säße ich in einem rasenden Zug und blickte starr durch die Fensterscheibe. An eben solchen Vorsprüngen meines Lebens schlug ich wieder und wieder peitschend auf und mir schwanden die Sinne …


... Lange wartete ich auf Tränen, aber sie ließen sich Zeit und schienen irgendwo auf ihrem Weg verdampft zu sein. Wenn Trauer aus der Verachtung und nicht aus der Wut entspringt, reicht es scheinbar nicht einmal mehr dafür. Bald sah ich mich in der Lage, erneut kurze schmerzfreie Atemzüge zu machen und genoss die Augenblicke, in denen reine, ehrliche Luft meine Lungen durchspülte. Aber immer wieder sendete mir der Teufel wellenartig schmerzliche Momente, immer wieder sah ich dieses Gewand des Engels und blickte so sehnsuchtsvoll zurück, dass zeitweise meine Lieben die Hoffnung fast aufgaben. Wie töricht hatte ich dieses Blendwerk doch akzeptiert...


... In meinem Beutel hatte ich gutes Werkzeug dabei, um einige Veränderungen in den Reliefs der Felswand vorzunehmen, welche die Verblendung meiner Vergangenheit widerspiegelten. Der Unhold säuselte mir zu, er wolle mich bei meiner Kletterei sichern, doch ich ließ ihn reden und vertraute nur mir selbst. 
In einem langen Prozess gelang es mir allmählich, stetig arbeitend, diese einzigartigen Erlebnisse, Bilder und Motive wieder in die meinen zurück zu verwandeln. Oft bekommen Dinge in einer anderen Zeit eine neue Bedeutung. Plötzlich kam ich an eine Stelle, die mir fremd und doch vertraut erschien. Ich ließ mich nieder, mitten in der Felswand und beruhigte mein stürmisch pochendes Herz. Direkt neben meinem Kopf sah ich eine verstaubte und von Rissen durchzogene Tafel, die im Stein eingearbeitet war. Die Buchstaben erschienen fast unleserlich, doch mit einer schweren Bürste und einem Ledertuch gelang es mir, herauszufinden, was da geschrieben stand. Hinter mir flog mein Feind in sicherer Entfernung, doch ich konnte den Windhauch seiner Schwünge spüren und war sicher, dass auch er diese Worte kannte. Bei der noch gar nicht so alten Schrift handelte es sich um eine Art Gleichnis, welches mir damals in falscher Interpretation in den Sinn gekommen war. Aber mein Schmerz und die Schlacht, die ich in mir führte, hatten es fast vergessen und unglaubhaft gemacht. 

„Über das Fliegen“, stand da,
„Wir alle sind Engel mit nur einem Flügel. Und wir können nur fliegen, wenn wir uns fest umarmen. Beim ersten Flug, sei es symbolisch oder aber real, wirbelt es uns hin und her zwischen überglücklicher Faszination und ernüchternder Angst, der Verwunderung über den eigenen Mut zum Abheben und der Gefährlichkeit dieses Unterfangens. Geflogen bin ich schon mit einigen Menschen. Mit manchen ist dies gar nicht möglich, sie bringen einen gleich nach dem Start (oder gar vorher) aus dem Gleichgewicht. Wenn ich berichten sollte, mit wem ich schon abheben konnte, fällt mir durchaus noch der ein oder andere ein. Die ersten prächtigen Schwünge gelingt es manchem, sich wirklich elegant auf mich einzustellen - oder ich mich auf ihn. Dann jedoch beginnen schnell die eigenen Landungserfahrungen, man wird ohne Ankündigung fallengelassen oder noch tröstend zu Boden gebracht. In Fällen wie diesem bekommt man dann trotz ausgiebigem vorherigem Versprechen des anderen Flügelbesitzers eher selten den Flügel geschient. All dies liegt möglicherweise daran, dass manch einer in unstürmischen Zeiten seinen Flügel aufplustert und einem glauben macht, es winke dort die richtige Größe. Die perfekte Aerodynamik wird vorgegaukelt und gelegentlich auch schon mal ein paar fremde Federn aufgesteckt.  
Aber manchmal, eigentlich wirklich selten, vielleicht auch nur einmal im Leben trifft man jemanden, der wirklich genau dieselbe Flügelgröße hat und die gleichen Federn mit diesem ganz besonderen Glanz. Und tatsächlich, auch bei näherer Betrachtung und ersten Probeflügen zeigt sich die absolute Flugharmonie. Man spürt den herrlichen warmen Wind im Gesicht und ab und zu glaubt man, der andere Flügel wäre der eigene – so verzaubernd schön erlebt man das. Wenn wir beide uns ganz fest umarmen und jeder seinen Flügel ganz weit abspreizt, kommt eine geradezu magische Spannweite heraus. Wir fühlen uns dann wie ein Albatros oder ein Kondor und das Schöne ist, das wir die Flügel aus dieser speziellen Position jetzt sanft um uns herum legen können und jeder die Wärme des anderen hautnah zu spüren bekommt. 
Wenn diese wunderbare Energie fließt, kommt man auch nach fürchterlichen Bauchlandungen wieder zu ungeahnten Kräften. Entweder, wir werden in unserem Flug selbst zum Sturm, oder er erfasst uns und verfängt sich in unseren Flügeln, treibt uns auseinander, vernichtet uns. Mit diesem einen Menschen wage ich es hinein zu fliegen. 
Die Kunst des Landens ist dem Fliegen unabdingbar. Das bleibt das Wichtigste, das man dann lernen muss. Landen will geübt sein. Aber ohne Flug auch keine Landung. In zahllosen Proben kristallisieren sich unsere Techniken heraus und einer zeigt dem anderen, was er schon vermag. Man kann so viel erlernen und auch selber Verbesserungsvorschläge machen. Zuweilen harmonieren auch zwei Techniken nebeneinander ohne sich zu stören. Dinge wie diese, sollte man tolerieren. Aus einer guten Mischung entstehen dann und wann die feinsten neuen Kreationen. Bald schon kann man ganz sanft nach einem phantastischen Gleitflug aufsetzen. Wir lassen uns einfach treiben, schweben und uns durchströmt der warme Hauch der gegebenen Energie. 
In meinen Träumen kann ich auch alleine fliegen – ich verschwinde durch einen Spiegel und gleite hinauf zum Mond, setze mich entspannt auf einen kleinen Kraterrand und warte auf meinen königlichen Zweitflügel. Ich senke den Blick, halte mich wartend fest, drehe den Rücken zur vermeintlichen Landebahn der Sehnsucht, damit er nicht sieht, wie aufgeregt ich bin, wenn er kommt. 
Es ist also nicht entscheidend, dass man selber einen ganz besonders tollen Flügel besitzt, sondern, dass man einen passenden zweiten findet.“

Da waren sie, diese Zeilen aus meinem verlorenen Paradies. Fest dort eingemeißelt, hatte sich ihr Sinn jedoch komplett ins Gegenteil verkehrt. Doch so sollte es werden, all die Dinge, Ideen und Bilder, Lieder und Erlebnisse mussten erneut mein und in der Wand der Erinnerung verändert werden, um mit einem angenehmen Gefühl und schmerzfrei zu meinem Leben gehören zu können. Ich nahm kleine Teile weg, färbte andere wiederum in sanftes Licht, und die erlebten Zeiten warfen vorsichtig den Mantel der Enttäuschung ab. Sie wurden zu Stationen auf meinem, nicht unserem, Weg und das Ende dieses Weges wurde angenehm unabsehbar. Ich legte das Wir ab und drang danach, das Ich zu erreichen. Mir war durchaus klar, dass die Arbeiten in der Wand noch lange andauern würden, aber in diesen Dingen bin ich ein Perfektionist und die Lust packte mich, wieder und wieder hinauf zu steigen und gewisse Feinheiten zu korrigieren …


... Mein einstiger Engel der Ehrlichkeit war in diesem Moment irgendwo anders, verwandelt, mir Ungeheuer und jemand anderem wieder ein Engel. Wir waren zusammen tief entschlummert, jeder streute dem anderen Zucker in die Träume, verfeinerte sie, auf dass sie süß wurden. So träumten wir einander, uns zu finden. Doch das Erwachen hatte bei ihm viel zu früh eingesetzt. Sogar absichtlich geweckt, war er aus dem Traum gerissen worden und fand nicht mehr zurück. Kurz zuvor hatten wir uns noch am Pol unseres Universums verabredet, doch er war gen Norden geflogen, während ich am südlichen Ende der Achse wartete. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass er nicht mehr kommen würde. Wir hatten uns verpasst.
Ich fror in der Kälte dort am Drehpunkt unserer Liebe und machte mich verzweifelt auf, durch frostklirrende Stürme, immer den Blick noch wartend gen Himmel.
Durch eiskalte, aber eigentlich traumhafte Wetterzonen hindurch realisierte ich zwar das Schöne um mich herum, doch es gelang mir nicht, es zu fühlen. Nur ab und zu drang ein schwacher Strahl durch mein WIR-gepanzertes Herz ...


... Endlich war ich befreit, endlich auch von Dauer und konnte wieder Liebe geben. Ich liebte alles um mich herum. Vor allem die Natur, die mir selber auch so viel von sich und ihrer Schönheit preisgab und mir dadurch ihre Lebensenergie einhauchte. Ich bevorzuge Ausgeglichenheit zwischen den Liebenden. Herausschreien wollte ich das, was ich da gerade fühlte, so erfüllend lag alles vor mir. Im Nachhinein erscheint mir nun die Zeit mit dir, mein geflügelter Versager und Feind, als wäre ich stetig in einen Trichter gelaufen. Deine Liebe – ein Trojanisches Pferd in meinem Herzen ...


... Als erstes erinnere ich mich an einen See, aus dem ich, mich genau in Höhe der Wasseroberfläche befindend, ans Ufer schaute. Selbst trocken, befand ich mich genau in seiner Mitte. Doch plötzlich brachen die Deiche, denn die Schleusen konnten nicht genügend Abfluss schaffen. Wahrscheinlich hatte mein Herz mit seiner Wut und Traurigkeit dem sich kurz vorher gebildeten Gewässer die nötige Spannkraft gegeben, um sich seiner Grenzen zu entledigen und sich, der Schwerkraft folgend, über meinen Wangen, Jochbogen und Mundwinkeln zu ergießen. Eigenartig finde ich, dass man selten mit beiden Augen gleichzeitig beginnt, die Tränen fließen zu lassen. Eines gewinnt immer. Während also dieses mal mein rechtes Auge klar siegte und der See zum fließenden Gewässer wurde, saß ich in einer Kutsche und ununterbrochen rauschten Fetzen von Fahrtbildern an mir vorbei.
Unmittelbar zuvor hatte ich einen ärztlichen Bericht meiner Mutter nach dreieinhalb Jahren Kampf in den Händen. So einen Befund kann man nur schweigend in seine Augen hinübergleiten, von dort aus Sehnerv und Sehbahn entlang fließen und schließlich im Buchstaben-zu-Gedanken-Umwandlungszentrum ankommen lassen. Letzteres teilt einem dann unbarmherzig mit, dass das Leben kein Gewissen kennt. Als ob man das Todesurteil seiner Mutter gerade in den Händen hält. Die Leitung zum Verständniszentrum jedoch ist und bleibt an irgendeiner Stelle unterbrochen. Nur Millionen von Fragezeichen regnen von irgendwo her prasselnd herab. Es ist etwa so, als steige man in den Eimer eines alten Brunnens. Der Brunnen ist sehr, sehr tief und man wird allmählich herabgelassen, Stück für Stück, Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung. Wer da dreht, vermag niemand zu sagen. Jedenfalls ist dieses Gefühl ein Bild, bei dem der Brunnenrand als Lichtloch verbleibt und mit jedem Tiefersinken kleiner im Durchmesser wird, bis man ihn kaum noch ausmachen kann, fast bis zur Dunkelheit.
Dann plötzlich wieder der Seeblick, das Überlaufen, und ich sitze wieder in meiner Kutsche. Die großen Bäume an der Straße sind zu dieser fünften Jahreszeit völlig kahl, sie tragen Mistelbüschel in sich. Ich glaube, das ist Symbiose. Oder parasitär? Ich weiß - ehrlich gesagt - nicht, ob der Baum von der Mistel auch etwas hat. Angeblich sollen ja zumindest viele Krebspatienten von dieser Pflanze profitieren. Dann könnte man sie als Parasiten auch tolerieren. Aber vielmehr erinnern mich diese Gewächse in den Bäumen an die Lunge meiner Mutter. So rechts und links, jede Seite auch mit so etwas Parasitärem bestückt, das immer, immer wiederkommt. Ohne Gnade, nunmehr fast jedes Vierteljahr. Nicht Himmel, nicht Hölle – nur das Warten dazwischen.
Wenn ich manchmal heimkam, hatte meine elterliche Wohnung immer mehr etwas Dunkles und Gespenstisches an sich, so dass ich sie häufig mit Angst betrat. Die Krankheit hatte auch die Räume befallen. Und doch, jedes Mal war ich überglücklich, meine Mutter lebend, mit diesem Lächeln, dass alle Farben des Regenbogens verriet und ihren strahlenden, wärmenden Augen vorzufinden, die versuchten, wie seit jeher Kraft zu spenden. Auch, wenn sie es in diesen letzten Monaten selten länger als ein paar Minuten durchhielt. So wurde sie mir viele Male „wiedergegeben“. Ich hatte mir ganze Feuerwerke von Sternschnuppen und Wiesen voller Augenwimpern nur für dieses eine, die Gesundheit meiner Mutter, verwünscht ...


... Da stand mein Elternhaus in der Dunkelheit, ich spürte den Klingelknopf am rechten Zeigefinger und schob die Tür bei dem bekannten Öffnungston nach innen. Von der Anspannung glitt ich in eine Stille hinein, in der Worte nur Gewalt gewesen wären.
Mein Bruder nahm mich in die Arme und etwas in mir brach dumpf in sich zusammen, nachdem mich alle drei lebendigen Augenpaare des Schlafzimmers meiner Eltern kurz gestreift hatten. Es war, als wäre ich zu spät zu einem Gefecht gekommen, in einer gewissen Endgültigkeit vorbei.
Im Nachhinein glaube ich, dass ich nicht daheim gewesen bin, war so gewollt. Wahrscheinlich hätte auch ich nur versucht, ihr Leben sinnlos zu verlängern und ihren Kampf mit den damit verbundenen Qualen noch weiter von der Erlösung entfernt.
Da lag sie, im Bett meines Vaters, so still und endlich wieder auf dem Rücken, wie sie es sich in den letzten Monaten so gewünscht hatte. Diese Friedlichkeit, mit der sie nun schlief, kontrastierte die Nächte zuvor wie schwarz und weiß. Ein feines Lächeln zeichnete sich, kaum sichtbar, auf ihren Lippen ab. Ich weiß nicht, ob nur ich diese leicht nach oben gezogenen Mundwinkel erahnte, die für die Erlösung von dem allmählichen Zerfressen ihrer Lungen dankten. Als ich den Tag zuvor abgereist war, hatte sie mich ebenso lächelnd verabschiedet, mich umarmt und ich strich über die Stoppeln auf ihrem Kopf, welche die Chemotherapie übrig gelassen hatten.
In der Zeit nach ihrem Tod war es, als hätte man mir eine Extremität unwiderruflich abgetrennt, es fehlte etwas ganz Entscheidendes an und in mir, etwas Unersetzbares, ohne das man zwar weiterleben, aber niemals wieder seinen alten Funktionszustand erreichen kann.Wir hielten lange Wache an ihrem Körper, ihre Seele war deutlich im Raum zu spüren, noch über Tage. Nachdem ich sie gewaschen und angekleidet hatte, sie das letzte Mal in diesem engen, überdachten, hölzernen Bett sah und sie von den Totenbestattern weggetragen und eingeladen wurde, flüchteten meine Gedanken in meine Jugend.
Ich stand vor unserem Haus, so wie meine Eltern mir immer nachgewunken hatten, wenn ich davonfuhr. Nun war ich an der Reihe mit winken, an jenem Morgen, an dem der Sommer schon greifbar nahe stand. Wie versteinert sah ich meiner Mutter nach, bis sie in dem fremden Wagen hinter der Häuserecke verschwand ...


... Es gibt zwei verschiedene Arten der Trauer. Die eine ist die wirklich krampfende, das Herz völlig zusammenpressende, schmerzende Trauer, die andere eine, die lähmt. Sie ist tief und verleiht eine dumpfe Starre, in der Bewegungen nicht mehr wie in der normalen Sphäre, sondern in einem anderen Medium, so etwas wie ein zähflüssiges Gel, möglich sind. Alles ist davon betroffen, die Gedanken, der Blick, die Sprache. Es ist, als sehe man alles durch einen grauen Schleier, wenn sich die haarige schwarze Spinne abseilt, auf das Herz setzt und eine angstvolle Traurigkeit auslöst.
Der Verlust einer Liebe durch Trennung ist eine Vorstufe, eine Generalprobe für das Verlieren eines geliebten Menschen durch den Tod. Leider hält sich das Schicksal nicht immer an die Reihenfolge ...


... Bald erreichte mich der dritte Vollmond. Er strahlte über dem Mai, der mir sein hedonistisches Gesicht zuwandte. Neben der Freude kam auch die Versuchung der Lust, und ich hörte ihr Säuseln: „Koste von den Leibern!“
Und ich probierte den Honig. Süß war er, trug vereinzelt bittere Stückchen einer Orangenschale bei sich, die mich in den letzten drei Jahren so geblendet hatten. Wenn ich gelegentlich darauf biss, schossen blitzartig Erinnerungen durch mich hindurch. So blieb ich für die wirkliche Liebe unzugänglich. Meine Seele war eine dreifach verschlossene Tür, gegen die ich von innen hämmerte und vor der ich wieder und wieder erschöpft zusammen sank. Wie eine Blütenknospe, die sich trotz eines erfrischenden Frühlingsregens nicht öffnen kann. Und doch schleckte und aß ich auch ohne die Liebe gierig von den dargebotenen süßen Früchten, sog, einem Vampir gleich, den betörenden Duft ein und - verletzte.
Möglicherweise wurde ich so selbst Teil anderer Geschichtsbücher. Ich genoss die Schwingungen der Lust, umfuhr sie, atmete sie, berührte sie und ließ Hände, Zunge und Mund wie ein Seidentuch darüber gleiten. Die Reaktionen des Fleisches machten mich neugieriger auf Neues. Betört von den Düften ließ ich mich fallend dahingleiten, zerschmelzend im sanften Hauch des Leibes, der mich aufsog. Ich flog und flog doch wieder nicht, erreichte aber einfach nicht an Höhe. Es waren plumpe Versuche eines verwundeten Vogels, alt gewohnte Bewegungen in tragende Flügelschläge zu verwandeln. Wenn man sich mit ausgebreiteten Armen auf eine duftende, ein wenig erhöhte Wiese legt und mit weit aufgerissenen Augen in den blauen, von dahineilenden Wolken übersäten Himmel sieht, dann beginnt man nach einer Weile wirklich zu fliegen.
Man kreist selbst oben und blickt auf die Wolken hinab und alles kehrt sich um. So bewegte ich mich auf dem Grat zwischen kurzen Momenten echten Gefühls und der reinen Lust.

I’m a pilgrim on the edge.
On the edge of my perception.
We are travellers at the edge.
We are always at the edge of our perception.

Und doch genoss ich das Leben und konnte es endlich fühlen. Wie meine Großmutter beim Spargelessen immer zu sagen pflegte: „Man muss zuerst die Spitzen abbeißen. Wenn man hinten anfängt und in der Mitte tot umfällt, hat man das Beste verpasst.“...

*(Scott Mutter)


... Wie viele Menschen glauben sich zu kennen und behaupten, nicht allein sein zu können? Ist es die Ungeduld, darauf zu warten, dass der neue Flügel gedeiht und wächst? Darf man sich deshalb mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben und sicherheitshalber eine kleinere Liebe akzeptieren?
Mir wurde immer bewusster, dass eben jede dieser Schmerzepisoden sehr wichtig waren, um mich weiter zu mir hin zu entfernen. Viele Dinge an die ich mich erinnere, umarmen die Dinge, die ich nicht vergeben kann. Wer keinen Schmerz zulässt, in schönen Gedanken schwelgend im Jammertal umherirrt oder am Partner verzweifelt haftend bleibt, der kommt nicht zu sich selbst zurück. Zuweilen stand ich wie eine einzelne Rotbuche im grünen Wald, suchte sehnsüchtig über die anderen Bäume hinweg. Aus Ungeduld hätte ich einen vernichtenden Feuersturm losbrechen lassen mögen, um nur frei hinüber zu dem sehen zu können, was mir gleich sei ...


... Ein wunderbar warmer Sommer sog mich auf, kreuz und quer flatterte ich durch bunte Erlebnisse und trank das Leben aus vollen Krügen. Die Zeit rann mir durch die Hände, wie heißer Saharasand. Mit soviel Wärme und Abwechslung hatte ich nicht gerechnet. Ich begriff, wie wichtig es war, dass mir diese Liebe genommen wurde. Ich sollte mich erweitern, um sie in einer mir noch unbekannten Person noch vollkommener erleben zu dürfen. Die Brücken zu dem Wesen, das mich verraten hatte, waren längst in Brand gesteckt. Obwohl ich die Glut fleißig austrat, konnte ich sie auf der anderen Seite der Schlucht – dort, wo ich nicht mehr hinkam – oft noch auflodern sehen. Woher nur kamen immer wieder diese Windböen, die sie aufrecht erhielt?
Allmählich gingen auch die letzten Dinge, welche mich als alltägliche Nutzgegenstände noch aus unserer gemeinsamen Zeit und über den Tod dieser hinaus begleitet hatten. Wir hatten sie gemeinsam erworben, einander geschenkt und die Verbindung schien immer Wir zu sein. Alles wurde ein Fraß der Zeit ...


... Der Herbst war noch nicht fertig, die Blätter von den Bäumen zu jagen, da rief der Winter bereits seine Flocken zum Sturm. In den Tagen des Friedens danach fielen auf den glitzernden Schnee die übrig gebliebenen Buntlinge und ergaben so eine eigenartige Mischung eines unchronologischen Jahreszeitenwechsels.  
In diesem Wandel floh ich für kurze Zeit aus meiner alltäglichen Umgebung in eine ferne Welt, in welcher der Sommer gerade Einzug hielt. Patagonien wurde zur Rettung vor dem nahenden Winterschlaf. Selten erlebte ich auf einer Reise derartig ausladende Schwingungen in meiner Stimmung, von ganz besonderen Momenten bis zu tiefer Nachdenklichkeit. Immer wieder ertappte ich mich beim Denken und Herumkramen im Vergangenen, Dinge, die ich bereits Hunderte Male durchdacht und durchwühlt hatte.
Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass an einem solch wunderbaren Ort nicht die Zeit dafür war. Mit einem Rückenwind wie in diesem Land musste man in die Zukunft, nach vorne blicken. 

Der patagonische Wind – eine Sage erzählt, einst sei ein indianischer Prinz von den Spaniern entführt und gefoltert worden. Und er bat seinen Gott um Hilfe, der ihm einen Boten sandte. Doch der Wind konnte den Entführten nicht finden. Er suchte in allen Regionen und Winkeln des Landes, unermüdlich, da sein Herr es ihm aufgetragen hatte. Und er sucht noch heute...
Wirklich, dieser Wind war unerbittlich. Und so anders. Teilweise körperlich, voluminös und nicht schneidend. Ich konnte ihn mit ausgebreiteten Armen empfangen und umfassen. Er blies diesen ganzen Schund und Staub auf meiner Seele davon und er war bereit, Grüße und Botschaften mit auf die Reise zu nehmen, wie in einer Flaschenpost. 
Den Dingen, die sich noch immer mit scharfen Krallen im Fleisch meines Herzens festhielten, machte ER es schwer. Wenn ER auftauchte, konnten sich diese halbseidenen Erinnerungen und Gedanken an den Teufel manchmal kaum mehr halten und flatterten peitschend, wie Fähnchen, erbarmungslos hin und her gerissen. Teile von ihnen lösten sich, rissen ab und verschwanden auf nimmer Wiedersehen am Horizont.

Durch die endlosen Weiten hingen auch die Wolken ungewohnt hoch am Himmel und trieben wie Eisschollen in dem klaren Blau dahin. Mein Gefährte war das Beste, was mir in diesen Wochen passieren konnte. Wir lachten viel und er wurde zum Teil meines Feuers. Er war ein Mensch, der immer auf der Suche nach Kontrasten war. Ich meine das vor allem farblich. Seine Augen waren gut geschult auf Farben und ihr Zusammenspiel. Und er hatte die Gabe, das Licht und seine Nuancen wirklich zu finden, oft dort, wo ich bereits vorbei gegangen war. Wenn er dann stehen blieb oder noch einmal kurz zurück ging, den Kopf neigte und seine Augen schmal wurden, erahnte ich bereits meist meine eigene Unaufmerksamkeit.
Einer der beeindruckendsten Berggipfel, die ich in meinem Leben jemals gesehen hatte, war der Fitzroy oder El Chalten - der Rauchende. Er verkörperte Patagonien für uns. Wir standen vor ihm wie vor einem Altar. Eine majestätische Stille umgab uns, nur vom Rauschen des Windes gelegentlich zerfetzt. So also sah ein erfüllter Traum aus. 
Auf dem Weg nach oben hatte uns der Gedanke ans Aufgeben befallen, da Schnee und Hagel die Rauheit an diesem Ende der Welt beweisen wollten. Die Lagune vor uns war noch ein glänzend weißes Schneefeld, aus ihr heraus wuchs der König der Berge empor. Wie eine schöne Frau leicht bekleidet auf mich oft erotischer wirkt, so wusste auch der Fitzroy, immer wieder kleine Teile von sich in Wolken zu verhüllen und so mit seiner Einzigartigkeit unsere Neugier noch zu beflügeln.
Auf dem Rückweg durchquerten wir einen wundersamen Wald. Die Bäume standen und lagen wild kreuz und quer, bildeten regelrechte Statuen und Skulpturen und es schien, als hätte noch eben alles hier voller Bewegung und Leben gesteckt, wie ein Schlachtfeld und unser Kommen ließ alles erstarren. Ich sah Hände, Extremitäten, Köpfe von Fabelwesen und ganze Rümpfe, wie eingefroren wartend, dass wir weiterzögen. Es war gespenstisch und doch so friedlich.

Wir durften an nie gekannten Abschieden der Sonne in der Unendlichkeit teilhaben. Der Himmel war mit dunklen Wolken bedeckt und ließ kaum einen Sonnenstrahl durch das dichte Grau hindurchschmelzen. Aber von dem Moment an, als die Sonne anfing, in Höhe der Wolkenkante zu verweilen, begann einer der klarsten und bezauberndsten Augenblicke dieser Reise. Der Horizont wurde golden, bald orange und je tiefer die Sonne glitt, desto mehr strahlte die dichte Wolkendecke von unten rot. Einzelne, tiefere, einsame Wölkchen erhielten speziellen Nuancen, der pechschwarze Himmel hinter uns färbte sich zu einem apokalyptischen Purpur. Kurz vorher gab er ein Viertel des Regenbogens frei, von so einzigartigem Kontrast, das man glaubte, auch die nicht wahrnehmbaren Farben sehen zu können. Ich erlebte, wie sich das Meer darunter dem Himmel gleich färbte, als würde es die brennenden Farben von ihm aufsaugen. Diese Sinfonie versprühte Unechtheit, alles schien irreal, und ich hätte schwören können, in ein Gemälde von William Turner oder Caspar David Friedrich entführt worden zu sein. Als der Himmel seine Farben aufgab, deren Intensität allmählich sanfter wurde und in Richtung Horizont dahin glitt, tauchten wie aus dem Nichts Pferde auf und trabten auf uns zu. 
Es schien, als seien sie gerade gelandet, sie näherten sich neugierig, um mit uns zusammen diese Einzigartigkeit zu genießen, von der wir alle ein Teil waren. Wenige Meter von uns entfernt, blieben die anmutigen Tiere ruhig stehen, weiß, gelbbraun, dunkel und gefleckt und genossen mit uns die Melodie der Stille, nur manchmal sanft durch den Wind und das gelegentliche Zwitschern der Vögel durchbrochen. Das Licht senkte allmählich sein Haupt, wurde schwächer und nur das Leuchten am Horizont verriet Bruchteile von dem, was wir gerade erlebt hatten. Einen Augenblick der puren Einheit mit der Umgebung, Auflösung von uns selbst in den Farben, eine besondere Art des Glücks. 
Wir fuhren davon, schweigend und es schien, als ließe man etwas ganz Wertvolles dort zurück, obwohl es längst gegangen war und nichts und niemand diese Schönheit unvergänglich machen kann.

Die Kette von besonderen Momenten riss nicht ab und in Buenos Aires betraten wir das Teatro Colon, ein ehrwürdiges altes Gebäude, welches vor allem im Inneren stilvoll und ansehnlich wirkte. Von äußerster Funktionalität und Erlesenheit waren die Baustoffe ausgesucht worden, drei Architekten hatte der 18-jährige Bau überlebt. Wir kamen in das erste Zimmer, eine Art Lounge, nicht größer als ein gewöhnliches Wohnzimmer. 
Dort stand eine kleine Dame von leicht dunkler Hautfarbe und langen Locken, nicht wirklich hübsch, aber sehr natürlich. Sie trug ein helles barockes Kleid, vor ihr stand ein Notenständer und in ihren Händen hielt sie eine Violine. Der Geigenbogen schien viel zu groß für sie zu sein. Doch als sie ihn ansetzte und dem Instrument die ersten Töne entlockte, schienen Bogen, Geige und die kleine Dame eins zu werden. Ich spürte förmlich die Noten wie eine Duftwolke, einem Parfüm gleich, aufsteigen aus dieser wiegenden Einheit, sie verteilten sich unsichtbar im Raum und schwangen glasklar hinüber zu unseren Ohren. „Tochter Zion“ verband ich schon immer mit der Weihnachtszeit und ich kann mich nicht erinnern, es je auf einem anderen Instrument als der Orgel unserer kleinen sauberen Stadtkirche gehört zu haben. Ich mochte dieses Stück schon immer, aber diese Klänge, die mich in jenem Moment erreichten, schienen so vollkommen, so besonders.
Ich spürte die Töne wellenartig zu mir hinübergleiten, sanft um ein Ohr herum zu tanzen und dann behände hinein zu huschen. Ich empfand, wie sie in meine Adern und von dort aus auch in die entferntesten Punkte meines Körpers gelangten. Sie lösten eine solche Vollkommenheit und wiegende Klarheit in mir aus, hauchten streichelnd über meine Seele hinweg und ich spürte das unbewusste Verlangen einzelner Tränen, die sich, mit dem Jetzt und der Vergangenheit, Weihnachten in meiner damals noch vollkommenen Familie und der Musik, zu lösen gedachten. Ich schloss die Augen, sah wieder hinüber zu der Virtuosin, wünschte den Moment zu verlängern und meinen Kloß im Hals in den Griff zu bekommen. Als sie den Bogen absetzte, der die ganze Zeit die Saiten schwingen ließ, kehrte Stille ein, ein bewunderndes Schweigen und die Klänge verblassten allmählich mit einem letzten Funkeln. Das Lächeln der kleinen Dame und ihre kurze Verbeugung holten uns zurück ins Teatro Colon, ins Jetzt.

Kraftvoll und in großen Schritten voran gekommen, kehrte ich so nach Hause zurück. Mein Kompass zeigte in allen Richtungen auf vorwärts. Wenig später passierte ich die Jahresgrenze und die Luft war schwanger vor Spannung, was es bringen mochte...


... Die Erinnerung an meinen schweren Sturz wurde täglich blasser und die Gedanken an den verlorenen Engel formten sich wie eine Totenmaske. Es blieb der absolut letzte Eindruck unserer Liebe, obgleich sie längst gegangen und die Zeit mit mir gekommen war. Doch wenn in bösen Träumen die Totenmaske die Augen aufschlug und mit fletschendem Grinsen mit mir sprechen wollte, wenn sich das Engelskleid vorsichtig anfing zu bewegen, dann begannen auch meine Lippen zu murmeln und ich hörte mich sagen:
„Gut. Ich rede mit dir. Ich rede mit dir, nicht, weil ich dich vermisse, wiederholen möchte oder dich verehre. Ich rede mit dir, weil du mir leid tust, weil du umherirrst und nicht weißt, nach was du suchst und dabei nur Unheil anrichtest. Und wisse, damit helfe ich nicht dir, sondern einem anderen, den ich nicht kenne, der es aber vielleicht wert ist. Du bist dabei nur Werkzeug, Schmerz zu verhindern.“
Dann erschrak ich über meine Verbitterung, der böse Traum verflog im Erwachen und ich atmete glücklich auf. Ich öffnete meine Flügel, denn es war Zeit zu fliegen und ahnte den Tag bereits voraus, an dem ich in meinem Gedächtnis nach der Leidenschaft würde suchen müssen, die für mein einst so bezauberndes Geschöpf brannte und sie einfach unauffindbar sein wird.

Ungeduldig erwarte ich meine neue Kriegerin, ungeduldig unseren ersten Kuss. Wenn unsere Zungen sich dann jauchzend umfahren und tanzend liebkosen werden, erst sachte, nur die Berührung auskostend, um später gierig saugend in die Verschmelzung hinein zu gleiten...
...möchte ich die Augen nimmer öffnen, bis auf einen kurzen Augenblick, einen Moment, den ich ihr stehlen werde, um unser Bild fest zu halten in meinem Gedächtnis, immer abrufbar, sehnsüchtig, um dem Verlangen ein Meister zu sein ...


Dank!



UND EIN GROßES DANKESCHÖN AN B., DIE DAS SCHAF IST, AUS DESSEN WOLLE DER STOFF FÜR DIESE GESCHICHTE GEWEBT WURDE!