Der UHU Knigge

Titel: Der UHU-Knigge
Untertitel: Tricks und Kniffe zum Erreichen der Kohlrauschfalte eines unmittelbaren Vorgesetzten im klinischen Alltag.
Ein Leitfaden für Unterassistenten, PJler, Fabulanten und anderes medizinisches Gastpersonal.
Autor: Toralf Sperschneider
Fotografien: Tom Licht
Erschienen: 2011, Verlag Neue Literatur Jena

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Info/Inhalt:
UHU, der; Abkürzung für „UnterHUnd“; liebevolle Bezeichnung der schweizerischen Studenten in deren praktischem Wahlstudienjahr und Unterassistenzzeit.
„Medizinische Fachbücher und herkömmliche Benimm-Dich-Enzyklopädien sind meist keine Hilfe und umgehen weiträumig das heikle Gebiet der UHU-Ausbildung.“
Dieses Büchlein nimmt ubiquitär im Stile älterer Lehrbücher die situative Komik des medizinischen Winzlings vor den kleinen und mittelgroßen Herren, insbesondere den Assistenz- und Oberärzten, auf die Schippe und hilft, die neue Lebenssituation mit Humor und Eigenironie zu meistern.
In zahlreichen Beispielen wird das Absurde in eine sachliche Sprache gekleidet, aufgeräumt mit der ärztlichen Romantik und die immer und überall vorhandene Unsicherheit im neuen beruflichen Umfeld widergespiegelt. Der Umgang mit der Hierarchie, aber auch das kritisch-ironisches Betrachten des hospitalen Eigenlebens sind für einen stilvollen Start ins Berufsleben unerlässlich.
Mit einem Augenzwinkern wird sich jeder Mediziner seiner Lehrjahre, die keine Herrenjahre waren, erinnern.

Vertrieb:
Die gebundene Ausgabe (Softcover) und eine E-Book-Version sind unter der ISBN-Nummer 9783940085436 im Handel, Internet und bei meinen Lesungen erhältlich.

Textauszüge

Vor Stellenantritt

Bevor man sich aus der studentischen Theorieschale pellt, um in den reißenden Fluss der real existierenden Krankenversorgung zu steigen, empfiehlt es sich, über geeignete Lehrmittel und praktikumsvorbereitende Kurse die eine oder andere Verwöhntechnik für den Assistenten-affinen Gebrauch zu erlernen.
Hierzu zählen beispielsweise die Fußreflexzonen- und die Schultermassage, wobei das Massageöl geschmacklich und olfaktorisch individuell auf den Betreuer abzustimmen ist. Ein Schnuppertag mit dem zukünftigen Assistenzarzt im Wellness-Center seiner Wahl könnte da einiges ans Licht bringen.

Trainieren Sie die farbliche Vielfalt Ihrer Gesichtsdurchblutung, denn eine schamhafte Hyperämie oder ein neidvolles Erblassen kann – zur rechten Zeit angewendet – Berge versetzen.
Kaufen Sie sich einen Hund oder hospitieren Sie, sollte es Ihnen an Kapital mangeln, im Tierheim. Den unterwürfigen Blick eines hungrigen Köters kann man sich in all seinen Facetten nirgendwo besser aneignen als beim direkten Studium am Tier.

Erkundigen Sie sich im Rahmen Ihres weiterführenden Selbststudiums prophylaktisch im Internet, an früheren Arbeitsstellen, bei Ex-Partnern und der örtlichen Polizeibehörde nach Ihrem vor-gesetzten Vorgesetzten. Bringen Sie seine Vorlieben und Details über seine Freizeitgestaltung, sein Familienleben und seine Intimsphäre in Erfahrung.

Vermeiden Sie jegliche sinistren Mitgliedschaften in einer UHU-Talibande und ächten Sie ähnliche radikal-medizinische Untergrundorganisationen, die nichts anderes im Sinn haben als verbesserte Arbeitsbedingungen.

Um zur linken Hand des Assistenten aufzusteigen, muss man den bitteren Geschmack der Ausbildung, der gewisse disziplinarische Fertigkeiten herauszuarbeiten in der Lage ist, unweigerlich kosten. Das Nehmen sollte dem Geben weichen. Nur so wird man in der Famulatur erste zarte Knospen, wenn nicht gar Triebe sehen können, die in den hippokratischen Himmel emporstreben, und wer weiß, vielleicht werden auch Sie selbst dermaleinst eine kleine, gärende Frucht neben sich auf Station niedergehen sehen, der Sie sich überlegen fühlen können.


Vorbereitung

Am Arbeitsplatz sollte man niemals nach dem Assistenten ankommen (Faustregel).

Der frühe Vogel fängt den Wurm! Verleihen Sie dem Arbeitsraum schon in den frühen Morgenstunden etwas Behaglichkeit, laufen Sie nicht mit einem zur Faust geballten Gesicht herum, strahlen Sie Freude aus, seien Sie der warme Regen in der Stimmungswüste Ihres Assistenten! Ein Blumensträußchen, eine gebügelte Tischdecke, Luftballons, Girlanden, für einen möglichen Wutausbruch bereitgestelltes Porzellan – all dies kann, liebevoll angeordnet, die kardiale Heiterkeit an- und erregen. Damit sich der Assistent nicht auf einen ausgekühlten Bürostuhl setzen muss, empfiehlt es sich, die 36°C gluteale Eigentemperatur dreißig Minuten vor Arbeitsbeginn auf die allfällige Sitzgelegenheit zu übertragen.

Die korrekte Wahl des Mittagsmahles ist immer eine heikle Angelegenheit. Hier sollte man seine Fähigkeiten schulen, feinfühlig kulinarische Affinitäten und Aversionen seines Herrn und Meisters auszuloten. Das unauffällige, geschickte Erfragen des gewünschten Menüs und des Hungervolumens können Misslaunigkeit am Mittagstisch vermeiden helfen und gleichzeitig eine gute Nachmittagsstimmung sichern. Falls der Küchenchef etwas Besonderes kreiert hat, um den Assistenzarztgaumen zu verwöhnen, und Sie haben davon Wind bekommen, dann lassen Sie Ihren Fachaspiranten ruhig ein wenig schmoren, bevor Sie Ihr fulminantes Wissen preisgeben, um auf diese Weise die Dramatik Ihres mittäglichen Auftritts noch zu erhöhen.


Stimmungshygiene

In den Stunden des kollegialen Zusammenseins gilt es, vorausschauend und zuvorkommend auf das allumfassende Wohlbefinden des Assistenten zu achten. Schmeicheln Sie ihm, werfen Sie ihm akustische Süssigkeiten ins Gesicht! Achten Sie auch auf Kleinigkeiten – Gesten, unvollständige Äußerungen – seitens des Assistenten. Lesen Sie ihm seine Wünsche von den Augen ab und vermeiden Sie so jegliche Stimmungsanämie. Er ist natürlich durch Ihre Anwesenheit erst einmal verunsichert, vulnerabel und verschüchtert, denn er weiß nicht, ob ihm das Schicksal oder die Personaldirektion schon wieder eine Schlaftablette vorgesetzt haben. »UHU-Betreuung« klingt für ihn initial nach Mehrarbeit, Lektorat und Überstunden. Das muss es aber nicht! Und Sie haben den Schlüssel dazu in der Hand!
An heißen Tagen beispielsweise kann der PJler dem Assistenten mit einem frisch importierten Palmenblatt erquickend zufächeln, wobei er ihm unter keinen Umständen die kostbare Luft der direkten Arbeitsumgebung wegschnappen sollte. So wird die Sauerstoffkonzentration im Arbeitszimmer erhöht und die Arbeitsleistung verbessert.

Sollte einmal der extrem seltene Fall eintreten, dass der Assistenzarzt sich auf fachlicher Ebene irrt, und Sie erhalten Kunde davon (was wahrscheinlich noch seltener passieren wird), dann gilt es als grober Anfängerfehler, ihn darauf anzusprechen, und schlimmer noch: ihn zu korrigieren. Stattdessen sollte der Assistent in derartigen Situationen mit ehrfürchtiger Bewunderung für seine profunden medizinischen Kenntnisse gelobt werden. Eine undulierend geschwenkte Wunderkerze hat schon so manches indurierte Gemüt erweicht.


Das Taschentuch

Der Gebrauch des klassischen Stofftaschentuches erfreut sich seit Kurzem wieder einiger Beliebtheit. Dem Tempotaschentuch, scherzhaft auch »Hurtiglappen« genannt, begegnet man in der Öffentlichkeit dagegen zunehmend weniger.
Verleihen Sie Ihrer inneren Zerrissenheit Ausdruck, wenn Ihr Ausbilder einmal dem erniedrigenden physiologischen Vorgang des Niesens sich hinzugeben gezwungen ist. Seien Sie feinfühlig genug, um schon kleinste Vorzeichen erkennen und die entsprechende Reaktion einzuleiten.
Bei Ankündigung des Nieszwanges reicht der geschulte PJler dem Assistenten unverzüglich ein Taschentuch, das selbstverständlich mit dessen Initialen bestickt ist. Das kann unauffällig und sollte linkshändig geschehen, da Sie schließlich später mit der Rechten beim Gruß die Hände anderer oder gar Speisen berühren. Gleiches gilt für das Gähnen, wobei Sie Ihre Hand blitzschnell und ohne direkten Körperkontakt zum Mund des Assistenzarztes führen. Am zweckmäßigsten ist es, wenn der Unterassistent das Taschentuch locker gefaltet in der rechten inneren Kitteltasche trägt. Heben Sie heruntergefallene Taschentücher nicht auf. Sie können aber denjenigen, der das Tuch verloren hat, dezent darauf aufmerksam machen.
Ist es bei Ihrem Angebeteten aber einmal zur Nasenluftexplosion gekommen und Ihr zuvorkommendes Reflexvermögen hat versagt, so schwimmen im Meer der Verhaltensregeln auch hierfür Rettungsringe, auf die Sie zurückgreifen können. Hüten Sie sich davor, aus jedem Niespfützchen gleich einen Rorschachtest erstellen zu wollen, loben Sie vielmehr die anmutige Reflexkraft Ihres Assistenzarztes, auch wenn ihm gerade zähe Reste der entfesselten Natur an der Nase baumeln. Weisen Sie ihn darauf hin, dass seine Nasenluft soeben flotte 160 km/h erreicht hat und seine von langer Hand geplante Säuberungsaktion des respiratorischen Epithels von Erfolg gekrönt worden ist.
Bei Niesattacken werfen Sie sich schützend vor Ihren Ausbilder und pressen dessen Nasenflügel und Philtrum mit beiden Daumen und Zeigefingern fest zusammen, um weitere Befreiungsschläge seines Reflexinnenlebens ein für allemal zu unterdrücken.  Streicheln und tätscheln Sie den Geplagten und beschleunigen Sie seine Rekonvaleszenz mit hauchzart geflüsterten »Hatschis«. Hat der Genesende seine restitutio ad integrum erreicht, steht es außer Frage, ihm ausführliche Gesundheitswünsche und vielleicht ein kleines Gebet mit auf den Weg zu geben, wobei deutlich werden muss, dass eine Entschuldigung für seine Niestiraden von Ihnen weder erwartet wird noch gehört werden möchte.


Geschlechtsspezifische Interaktionen

Der Einfachheit halber beziehen sich alle in diesem Ratgeber aufgeführten Geschlechterbezeichnungen nicht auf die Zugehörigkeit zu einer der beiden genitalen Gruppierungen, sondern sind vielmehr universell einsetzbar und somit als Neutren zu verstehen.
Dieses Kapitel erhebt den Anspruch, die geschlechterspezifischen Handlungsweisen ein wenig zu kultivieren. Das Arzt-Sein hat glücklicherweise seinen Status der maskulinen Prädominanz – ähnlich wie in den Bereichen Schwerlasttransport und Bodybuilding zu beobachten – zugunsten der Damenwelt verloren. Mittlerweile dominieren unter den Studierenden ganz klar die Frauen. Das bietet Raum für neue Möglichkeiten hinsichtlich der Besetzung des medizinischen Dienstpersonals. Entgegen aller Vorurteile kann so inzwischen beispielsweise ein Krankenpfleger in der Nachtschicht mit einer Angehörigen der Ärzteschicht emotionale Bindungen eingehen und im weiteren Lebensverlauf mit derselben eine Familie gründen, was ja bis auf wenige Ausnahmen bisher immer umgekehrt der Fall war, recht einseitig beschrieben wurde und meist lange vor einer Eheschließung stagnierte. Aufgrund dieses Umstandes etablierten sich innerhalb der Gruppe der Aus- bzw. Weitergebildeten gewisse Grundsätze im Miteinander, nicht zuletzt, um sittlichen Entgleisungen prophylaktisch entgegenzutreten.
So gehört es heutzutage zum guten Ton, der gnädigen Assistenzärztin gelegentliche Aufwartungen zu machen, ohne dabei je die Contenance zu verlieren. Bescheidenere Aufmerksamkeiten, wie ein selbst verfasstes Gedicht an der Wandzeitung oder – als klassisches Stilmittel – ein Schächtelchen Pralinen, können zumindest kleinere Hügel versetzen. Aber auch hier kommt es auf Details an. Überreichen Sie beispielsweise Blumen stets mit einer Verbeugung und ohne Papierhülle!
Während des Tagesverlaufes sind Assistentinnen rezidivierend auf ihr gutes Aussehen und insbesondere auf ihre perfekt sitzende Frisur anzusprechen. Loben Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Zartheit ihrer Haut oder die Sinnlichkeit ihrer Lippen – selbstredend unter Verwendung der anatomischen Fachtermini! Tauschen Sie Küchenrezepte aus und verwöhnen Sie Ihre Vorgesetzte im Nachhinein pflichtbewusst mit dem Produkt Ihrer kulinarischen Konversation, indem Sie beispielsweise auf das mitgebrachte Törtchen orthografisch korrekt und natürlich nicht ohne vorherige urheberrechtliche Absicherung den Namen der Betreffenden mit Sahne aufsprühen.
Sehen Sie sich gewissenhaft in die Frauenserien sämtlicher TV-Kanäle ein und verblüffen Sie mit Ihren umfangreichen Kenntnissen über die Beziehungen der Darsteller untereinander, über Affären, Intrigen und Hintergründe. Die neueste Ausgabe einer Hochglanz-Frauenzeitschrift Ihrer Wahl gehört zum Goldstandard am Arbeitsplatz. Nachlässigkeiten bei der Kleidung werden von vielen Damen als ein Akt absoluter Taktlosigkeit empfunden. Kleiden Sie sich andersherum aber auch niemals eleganter als Ihre Vorgesetzte!
Den männlichen Halbgott in Weiß interessieren oben genannte Dinge in reziproker Gewichtung. Deshalb nehmen Sie hier jede sich bietende Gelegenheit wahr, den Säulen des maskulinen Beschützerinstinktes – Kraft, Mut und Potenz – zu huldigen. Darüber hinaus benötigt Ihr männlicher Vorgesetzter mindestens fünfzehn Minuten täglich diverse Lobgesänge, ganz gleich, auf welche seiner Tugenden sich die Anerkennung bezieht.
Haben Sie als männlicher UHU das Glück, Ihren Vorgesetzten zum Wellnessbereich zu begleiten, so lassen Sie es sich nicht nehmen, am Urinoir die Größe und Pracht der assistenzärztlichen Sexualadnexe zu preisen. Empfehlenswerte Präsente sind eine Eintrittskarte für das nächste Eishockeyspiel, ein Penisfutteral (Übergröße) oder ein nett verpackter Kasten Bier.

Bebilderung (Fotos: Tom Licht)